Das zählt …
für den „Wacken“-Veranstalter Holger Hübner

© Fotos Regine Christiansen

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Die B2B Messe in Hamburg-Schnelsen kündigt an, dass zur Eröffnung Holger Hübner, einer der Erfinder des W:O:A-Festivals, einen Vortrag halten wird. Ich stelle mir vor, wie Heavy-Metal-Leidenschaft auf einen Saal voller Geschäftsleute in Konferenzstühlen trifft … das kann interessant werden. Martina Brinkmann hilft mir, den Kontakt herzustellen, sodass ich gleich im Anschluss an den Vortrag mit Holger Hübner sprechen kann. Was zählt für ihn?

1. Weitermachen

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Die Give-away-Beutel hat der Festival-Chef persönlich auf den Stühlen verteilt – vor seinem Vortrag über die wirtschaftlichen Auswirkungen des W:O:A auf die Region

Dass aus Holger Hübner ein erfolgreicher Veranstalter wurde, geht eigentlich auf einen schlimmen Unfall zurück. „Aber vielleicht wäre ich auch glücklicher, wenn ich noch in meinem ersten Job als Baustellenbetreuer im Stahlrohrleitungsbau arbeiten würde, dass weiß man ja im Nachhinein nie,“ denkt er laut nach.

Ein schwerer Autounfall beendete 1993 dieses erste Berufsleben, doch Hübner hat noch heute Kontakt zu ehemaligen Kollegen. 1993 war auch deshalb ein schlechtes Jahr für den damals 29-Jährigen, weil das „Wacken“-Festival 25.000 Euro Verluste einfuhr. Es war die dritte Veranstaltung, die er gemeinsam mit seinem alten Freund Thomas Jensen und einigen anderen Kumpeln in der örtlichen Kiesgrube organisiert hatte, neben ihren Jobs.

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„Entscheidend ist, wieder aufzustehen, wenn man auf die Fresse fällt „, fasst Holger Hübner die Erfahrungen aus dem Jahr 1993 zusammen

Einige Monate darauf – Holger Hübner lag noch immer im Krankenhaus – fragte ihn Thomas Jensen, ob sie trotz der Schulden mit dem Festival weitermachen sollten. Der W:O:A-Veranstalter erzählt: „Ich sagte: Klar, trommle alle Leute zusammen! Aber da war keiner, die anderen hatten alle keinen Bock mehr.“ Die beiden Freunde und „Wacken“-Erfinder entschließen sich, die Veranstaltung allein zu stemmen. Hübners Aufgabe: vom Krankenbett aus die Künstler zu buchen – ohne Computer, E-Mails und Handy eine echte Herausforderung.

2. Die Heavy-Metal-Community

„Ich gehe oft auf andere Heavy-Metal-Festivals, um zu sehen, was die anders machen oder besser. Aber zuletzt bleibt es eine Bauchentscheidung, ob eine Band im nächsten Jahr hip sein wird oder welche Aktionen, welche Sponsoren passen“, erklärt der Veranstaltungschef. Er selbst singt nicht mal in der Badewanne und spielt auch kein Instrument – zum Leidwesen seiner Tochter. Was gefällt ihm an der Musik? „Dabei kann man abschalten, Menschen treffen und gemeinsam Spaß haben.“ Und an der Metal-Szene? „Der Way of Life. Das fängt bei den Klamotten an und geht beim Verhalten weiter: Man kauft die CD und brennt sie nicht oder lädt sie herunter, man geht zu Konzerten, man macht keinen Stress. Alle sind gleich, egal woher sie kommen. Das ist eben eine ganz andere Welt.“

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Eine Prise Feierlaune nach W:O:A-Art im Messesaal

Um dieses Publikum geht es Holger Hübner. Doch während es immer gleich jung bleibt, wird er jedes Jahr älter. „Authentisch zu bleiben und `Wacken Open Air´ mit der Liebe zu führen, wie die Leute das gerne sehen wollen, das ist nicht immer einfach. Die Community betrachtet das als ihr Festival – wir haben nur das Recht, es durchzuführen“, erzählt der Festival-Chef und lacht. „Da kann ich auch mit leben!“

Er fühlt sich wohl mit der Rolle des Machers im Hintergrund, ist gern für andere da. Nach außen vertritt sein Partner die Veranstaltung. So haben sie es geschafft, sich im immer hektischer rotierenden Agenturgeschäft mehr als 20 Jahre zu halten. „So blauäugig wie wir da zuerst herangegangen sind, dass wäre heute gar nicht mehr möglich. Bei uns ist es gewachsen, die meisten Mitarbeiter sind mindestens zehn Jahre dabei – woanders wird spätestens alle zwei Jahre gewechselt. Aber dafür haben wir dann auch Mitarbeiter, die motiviert sind und mitziehen.“

3. Verantwortung

Zwischen Leidenschaft und Planungssicherheit: Die Zielmarke für den Festivalchef ist es, mit Wacken Open Air jedes Jahr wieder eine perfekte und authentische Kult-Veranstaltung zu schaffen

Zwischen Leidenschaft und Planungssicherheit: Die Zielmarke für den Festivalchef ist es, jedes Jahr eine perfekte und authentische Kult-Veranstaltung zu schaffen

Mitziehen, auch wenn es unbequem ist, das gilt auch und gerade für den Mann an der Spitze, findet Holger Hübner: „Ich muss das den Mitarbeitern vorleben. Wenn nachts um eins ein Anruf von Geschäftspartnern kommt, weil etwas nicht läuft, dann muss ich mich sofort kümmern.“ Rund um die Uhr im Einsatz zu sein ist kein Grund zum Klagen, – eher ein Luxusproblem, meint er. Die wahren Sorgen: Dass beim Festival alles rund läuft und keiner zu Schaden kommt. „Wenn am Sonntag alle vom Acker sind, dann ist da auch eine Riesenerleichterung, dass alle heil nach Hause kommen. Das ist ganz wichtig. Dann zieht man beschwingt durch und sagt: Super! War alles wunderbar.“ „Wacken Open Air“ läuft hervorragend – die 75 000 Karten für die Jubiläumsveranstaltung 2014 waren in 48 Stunden ausverkauft. Insgesamt werden 85 000 Besucher dabei sein, denn neben den Pressevertretern haben auch die Dorfbewohner freien Eintritt.

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Der Griff in die Beutel mit schwarzen Regencapes, Kondomen und Kerzen weckt bei einigen Messebesuchern Neugier, bei anderen offenbar gute Erinnerungen

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Holger Hübner lebt inzwischen in der Hansestadt: „Man soll ja da leben, wo es der Frau gefällt. Hab ich gehört. Und meine Frau ist Hamburgerin.“

Noch können die Umweltauflagen erfüllt, die Fans zufriedengestellt werden. Mit den Hamburg Metal Dayz – am Rande des Reeperbahn Festivals – und mit der Kreuzfahrt „Full Metal Cruise“ – in Zusammenarbeit mit der Tui – probiert ICS Festival Service GmbH, die Firma der beiden Veranstalter, inzwischen aber zusätzlich auch neue Formate aus. Sie profitieren vom Glanz und der Community des „Wacken Open Air“, das inzwischen als weltweit größtes Heavy-Metal-Festival international bekannt ist.

„Wenn die Metropolregion Hamburg im Ausland um Besucher wirbt,“ grinst Holger Hübner „können die die Lage der Hansestadt inzwischen oft am besten so klar machen: Hamburg liegt bei Wacken!“

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