Das zählt …
für die Schulgründerinnen Silvie Hartmann und Andrea Kuhne

Grafik-Design auf einem Boot in Hamburg-Wilhelmsburg studieren – das Angebot der FSG Freien Schule für Gestaltung klingt ziemlich cool und auch ein bisschen schräg. Die Fotografin Regine Christiansen vermittelt mir den Kontakt zu zweien der drei Gründer. Was ist Andrea Kuhne und Silvie Hartmann wichtig?

© Fotos Regine Christiansen

© Fotos Regine Christiansen

1. Für die Praxis lehren

Zwischenprüfung auf dem Hausboot „Julianne“. Hochkonzentriert präsentieren fünf Studenten ihre Arbeiten. „Das Skateboard habe ich bewusst mit sehr einfachen Mitteln gestaltet, damit es in Workshops nachgebaut werden kann“, erläutert Anne Neuhaus ihr Konzept. Auch die Präsentationen der anderen Studenten wirken kreativ, durchdacht und ausgesprochen professionell. „Wir haben euch ja jetzt schon in einigen Prüfungen erlebt, aber wir sind jedes Mal wieder begeistert über die Qualität eurer Arbeiten“, loben am Ende die Schulleiterinnen Andrea Kuhne und Silvie Hartmann.
Bei der Abschlussprüfung hingegen werden aber nicht sie die Noten verteilen, sondern eine Jury von 15 Fachleuten aus verschiedenen Werbeagenturen. Das sei jedes Mal ein aufregender und anstrengender Tag, nicht nur für die Studenten, erzählt Silvie Hartmann. Die Prüfer aus der Praxis für diese Aufgabe zu akquirieren, ihnen Lust darauf zu machen und diese Lust auch zu erhalten, sei zwar aufwändig, lohne sich aber in mehrfacher Hinsicht: „Der Blick der Fachleute sorgt für eine ständige Evaluation unseres Konzepts und macht Druck, sich immer weiter zu verbessern. Wir bleiben dadurch auch auf dem Laufenden, was aktuelle Entwicklungen und neue Anforderungen in den Agenturen angeht. Und es gibt den Absolventen die Möglichkeit, wichtige Kontakte zu knüpfen.“

Präsentieren gehört zum Geschäft der künftigen Gestalter

Präsentieren gehört zum Geschäft der künftigen Gestalter

Die Bewertung von außen verschafft dem FSG-Abschluss Ansehen. Aus dem gleichen Grund hatten die Gründerinnen von Anfang an eine staatliche Anerkennung für die kleine Privatschule beantragt, auch wenn dafür zunächst viele bürokratische Hürden genommen werden mussten. Andrea Kuhne: „Wir haben ein hochgradiges Interesse daran, unsere Absolventen anschließend vermittelt zu bekommen. Unter anderem deshalb haben wir die Schule ja gegründet, weil wir das auch schon anders erlebt haben.“ Unterstützt wird dieses Anliegen durch die enge Zusammenarbeit mit einer Headhunterin.

Bisher haben 90 Prozent der Absolventen einen Job gefunden. Doch dafür ist mehr nötig, als den Kontakt zur Wirtschaft zu pflegen und einen anerkannten Abschluss zu bieten. Die Studenten werden von Anfang an zielgerichtet vorbereitet und eng betreut. Werbung, Design, Online- oder Magazinbereich? Zuerst müssen die eigenen Stärken erkannt und dann ausgebaut werden. Von Anfang an wird an der Präsentationstechnik gearbeitet, ab dem zweiten Semester auch schon an der Vorstellungsmappe. Silvie Hartmann erklärt: „So sind unsere Studenten immer die Ersten, weil sie sich aus dem Stand bewerben können. Wenn ein Prüfer sagt, komm doch mal vorbei, dann können sie sofort einen Termin festmachen.“

2. Eine eigene Schule

Silvie Hartmann träumte schon als Studentin davon, eine Schule zu gründen

Silvie Hartmann träumte schon als Studentin davon, eine Schule zu gründen

„Ich hab gedacht, wenn ich mal groß bin, und Grafikerin, dann mache ich auch eine Schule auf“, erinnert sich Silvie Hartmann an ihre Träume als Lehramts- und Grafik-Studentin. Doch zunächst folgen viele Praxisjahre in der Werbung, bevor sie schließlich doch noch beginnt, als Dozentin zu arbeiten: „Und weil ich dort Andrea Kuhne kennengelernt habe, ist mein Traum von einer eigenen Schule schließlich in Erfüllung gegangen. Ein Glückstreffer.“
Dabei hat Andrea Kuhne nie daran gedacht, eine Schule zu gründen. Doch ihre Kenntnisse im Bereich Technik und Programme sind gefragt, die Grafikerin merkt, dass sie unterrichten kann und mag. Sie überlegt gerade, sich in diesem Bereich selbstständig zu machen, als sie auf Silvie Hartmann trifft. „Weil unsere Fachgebiete sich gut ergänzen, haben wir angefangen, unsere Fächer mehr und mehr zu verknüpfen.“ „Und daraus haben sich gemeinsame Vorstellungen entwickelt, wie gute Schule laufen muss“, ergänzt ihre Kollegin. Die beginnt, angeregt durch die Zusammenarbeit, wieder von einer eigenen Schule zu träumen.

Die "Julianne" liegt  bei der Honigfabrik im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg

Die „Julianne“ hat bei der Honigfabrik im Reiherstiegviertel des Hamburger Stadtteils Wilhelmsburg festgemacht

Dass die Idee realistisch sein kann, rechnete ihnen ein guter Freund vor: Rolf Weilert hatte die TAZ gemeinsam mit andern gegründet, später allein einen Verlag und einen grafischen Betrieb. Der Jurist lieferte den beiden Frauen zur Analyse gleich praktische Tipps, wie so ein Projekt zu stemmen wäre. Die sind davon so begeistert, dass sie den Experten fürs Finanzielle als Dritten in den Bund der Schulgründer aufnehmen. „Wir beide haben uns dann abends immer in eine Kneipe geschlichen, um an einem Konzept für die Kulturbehörde zu arbeiten“ erzählt Andrea Kuhne. Doch wo ist der richtige Standort für ihre neue Grafik-Schule? Es soll kein Schicki-Micki-Stadtteil sein und keiner, der gleich um die Ecke ein ähnliches Angebot zu bieten hat.

Der Campus der FSG-Studenten ist ein Bootssteg

Der Campus der FSG-Studenten ist ein Bootssteg

So kommt Wilhelmsburg ins Spiel. Ein Stadtteil mit rauem Charme, vom Wasser umgeben. 2009 startet die Freie Schule für Gestaltung ihren ersten Jahrgang in zwei Räumen des Kulturzentrums Honigfabrik. Scheitern kommt nicht in Frage. „Wir hatten ja die Verantwortung für unsere ersten Studenten“, sagt Andrea Kuhne.

 

Zu den ersten zwölf kommen mit jedem Semester mehr dazu. Bald wird der Platz knapp und die anderen Räume der Honigfabrik sind bereits besetzt. Einige Kurse können in Altona abgehalten werden, manchmal weichen die FSG-Dozenten auch auf eins der Hausboote aus, die hinter dem Kulturzentrum im Vering-Kanal festgemacht sind. Aus dieser Notlösung entsteht die Idee, selbst ein Boot anzuschaffen. „Wir wollten gern im Verbund mit der Honigfabrik bleiben“, begründet Silvie Hartmann die mutige Investition. 18 Monate später, nach viel Kalkulation, Organisation und vielen Umbauten, gibt es drei neue Unterrichtsräume mit 60 Arbeitsplätzen auf dem Wasser. „Wir haben die „Julianne“ teilweise sogar selbst gemalt, zusammen mit den Studenten“, erzählt Andrea Kuhne. Zu guter Letzt fördert die Stadt einen Steg, der die Hausboote miteinander und mit der Honigfabrik verbindet.

3. Leidenschaft

Dozieren, motivieren, organisieren, entwickeln, beraten: Die Jobs der Schulleiterinnen Andrea Kuhne (l) und Silvie Hartmann (2.v.l) sind sehr vielseitig

Dozieren, motivieren, organisieren, entwickeln, beraten: Die Jobs der Schulleiterinnen Andrea Kuhne (l) und Silvie Hartmann (2.v.l) sind sehr vielseitig

Dozieren, jeden Studenten individuell im Blick behalten, von der Aufnahme bis zu Abschluss alles Nötige rund um die Schule organisieren, neue Konzepte und Ideen für den Unterricht entwickeln und umsetzen, Dozenten gewinnen, Kontakte zur Wirtschaft knüpfen, erhalten und vertiefen – Silvie Hartmann und Andrea Kuhne investieren viel Zeit und Energie in die FSG. Um den Kontakt zur Praxis nicht zu verlieren, betreuen beide weiterhin auch eigene Projekte für die Wirtschaft. „Manchmal sind wir total gerädert, sitzen in der U-Bahn und denken, wir können nicht mehr. Aber dann kommen auch wieder Tage ohne Stress und dann ist es echt flauschig“, lächelt Silvie Hartmann. Das positive Feedback von den Studenten und aus der Wirtschaft motiviere sie immer wieder, erzählt Andrea Kuhne. Doch ganz besonders sorgt die gute Zusammenarbeit dafür, dass den beiden Frauen trotz der vielen Aufgaben die Puste nicht ausgeht: „Man ist zu zweit, man macht sich Mut. Wir ergänzen uns perfekt, können uns total auf einander verlassen. Wir würden auch einen Imbisswagen zusammen aufmachen und hätten Spaß dabei.“
„Wir tauschen uns viel aus“, ergänzt ihre Silvie Hartmann. „Wenn das tagsüber nicht klappt, dann diskutieren wir es auf dem Heimweg. Wir schleppen nichts Ungeklärtes mit nach Hause.“

Bis zu 15 Studenten werden jedes Jahr neu aufgenommen

Bis zu 15 Studenten werden jedes Jahr neu aufgenommen

Die Schulleiterinnen lieben Veränderungen und suchen ständig nach Ideen, um die Schule weiter zu entwickeln. In den vergangenen fünf Jahren sind so neben den neuen Unterrichtsräumen auf dem Hausboot unter anderem auch ein Kurssystem auf den Weg gebracht worden.

Leidenschaft wünschen sich die Schulleiterinnen auch von ihren Studenten. Manchmal scheint es Sivie Hartmann zwar, als strebe der Nachwuchs im Schulalltag nach zu viel Balance und zu wenig nach Work … Andrea Kuhne wirft ein: „Aber wenn sie mal knechten, dann richtig: als bei dem Wind-Projekt in der vergangenen Woche die Zeit bis zur Präsentation eng wurde, haben alle noch mal so richtig losgelegt, da brannte das Licht die halbe Nacht.“ Silvie Hartmann nickt zufrieden. „Man muss auch mal bereit sein, sich für sein Projekt zu quälen, das hat ja auch was!“, findet sie. Und ohne Leidenschaft würde es weder im Studium noch später im Beruf laufen. Aber: „Die meisten Studenten sind Anfang bis Mitte zwanzig, wenn sie hier starten. Und viele entdecken erst im Laufe des Studiums, wo ihre Leidenschaft liegt.“

Die Leidenschaft der Schulgründerinnen für Design und Gestaltung zeigt sich in vielen Details

Die Leidenschaft der Schulgründerinnen für Design und Gestaltung zeigt sich in vielen Details

Rund vierzig Interessenten bewerben sich jedes Jahr, sie kommen aus Wilhelmsburg, aus dem Allgäu, aus Düsseldorf, Luxemburg oder Kalifornien. Je nach Qualität werden acht bis fünfzehn davon aufgenommen. Gerade haben die Schulleiterinnen den 150ster Vertrag mit einer FSG-Studentin unterschrieben. Welche Träume haben die beiden Frauen für die Zukunft? Andres Kuhne: „Vielleicht machen wir eine Zweigstelle in Kanada auf, keine Ahnung! Es entwickeln sich laufend neue Ideen und wenn etwas Sinn macht und machbar erscheint, werden wir alles dafür tun, um es umzusetzen.“

 

Ein Gedanke zu „Das zählt …
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