Das zählt für…
die Werkzeughändlerin Susanna Fiebig

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© Fotos Regine Christiansen

An einem sehr heißen Sommertag besuchen wir die Otto Meyer GmbH im Hamburger Hafen. Im Lager des Eisenwarenhändlers ist es noch kühl.  26.000 Artikel liegen in den Regalen, vom messingverchromten Sturmhaken über Werkzeuge aller Art bis zum Käfersieb. Geschäftsführerin Susanna Fiebig ist zierlich, fröhlich und voller Begeisterung für die Schätze, die sie uns zeigt. Was ist ihr besonders wichtig?

1. Bewahren

Die Griepen, zum Beispiel: Mit dem zweizackigen Gerät „griffen“  sich die Hafenarbeiter beim Entladen die schweren Säcke. Auch wenn heute etwa der Kaffee in Containern verschifft wird, so ist er doch auch noch immer in Säcken verpackt. Aber Griepen gibt es inzwischen nur noch bei Otto Meyer. Susanna Fiebig lässt sie herstellen und verkauft mehr als 400 Stück pro Jahr.

Speicherbedarfs-Artikel

Die Schautafel mit Artikeln für den Speicherbedarf wurden mit der Firma Wilhelm Kelle übernommen

Sie hatte dieses Werkzeug mit der Firma Wilhelm Kelle übernommen, dem letzten Laden für Speicherbedarf in Hamburg. Seit die Inhaber in den Ruhestand gegangen sind, hängen ihre Schautafeln bei Otto Meyer und dorthin kommen nun auch ihre Kunden.

Die Firma Otto Meyer ist seit bald hundert Jahren der Anlaufpunkt für Hamburger Hafenbetriebe auf dem Land und auf dem Wasser, die Werkzeuge oder Materialien für ihre Arbeit brauchen. Die meisten Kunden sitzen nicht mehr als fünf Kilometer entfernt. Susanna Fiebig hat dafür gesorgt, dass das Traditionsunternehmen nicht nur die SAP-Anforderungsprofile seiner Konzernkunden erfüllen kann, sondern auch mit Onlineplattform und Internetshop zeitgemäß aufgestellt ist. „Aber im Laden darf alles so sein wie früher!“, findet die Inhaberin. „ Die Leute sollen einfach hereinkommen, schnacken und sich freuen. Diesen Spagat hinzubekommen macht meine Aufgabe so spannend.“

2. Technik

Wie wird man Chefin eines alteingesessenen Werkzeughandels im Hafen? Susanna Fiebig startete nach dem Abitur mit einem Religionsstudium, fühlte sich dann aber doch noch zu jung für das, was dort gefordert wurde.

Am Verkaufstresen der Otto Meyer GmbH

Treffpunkt Verkaufstheke: beraten, fachsimpeln, verkaufen

In dieser Zeit bekam ihr Vater in Hamburg von einer Nachbarin gerade „diesen witzigen Laden im Hafen“ angeboten  –  ein Traditionsunternehmen, aber verschuldet. Er kaufte die Otto Meyer GmbH und fragte seine Tochter, ob sie nicht dort als Lehrling einsteigen wolle.

Ausbildung in einem Handelsgeschäft für Hafenbedarf statt eines geisteswissenschaftlichen Studiums? Für Susanna Fiebig war die Antwort gar nicht so schwer: „Mein Vater hatte einen Eisenwarenladen, ich habe schon mit sechs Jahren bei der Inventur die Kupferfittinge gezählt und später selbst eine kleine Tischlerei gehabt. Eisenwaren und Werkzeug waren von Kindheit an Teil meines Lebens.“ In Rothenburgsort aufgewachsen, mit einer Großmutter, die eine Spedition im Hafen hatte, fühlt sie sich zudem der Gegend eng verbunden.

Gläser im Regal

12.000 Artikel können gleich mitgenommen werden, aber das Otto-Meyer-Team kann noch weit mehr beschaffen

So wurde aus der Religionsstudentin ein Azubi im Werkzeughandel. „In der Lehre hatte ich als Tochter vom Chef sicher eine Art Sonderstellung. Aber ich habe alles gemacht – Lagerarbeiter, Fahrer, Verkauf – bevor ich nach vielen Jahren Prokura bekommen habe.“ Anschließend begann sie, Anteile an der Firma zu kaufen und zahlte schließlich ihren Vater aus. Da war die Otto Meyer GmbH schon längst zur Lebensaufgabe geworden.

Inzwischen ist Susanna Fiebig seit mehr als 20 Jahren dabei. „Viele sagen: Lagerumschlagskennziffern – ogottogott!. Aber für mich zählt das Gesamtpaket. Ich mach das, weil ich Spaß daran habe, einen Traditionsbetrieb am Leben zu halten, weil ich Freude daran hab, Menschen Arbeit zu geben.“

3. Probleme

Kennt sich aus: Andreas Thiemann (M.) mit den Azubis Nico und Patrick

Kennt sich aus:  Andreas Thiemann (M.) mit den Azubis Nico und Patrick

„Die wollen einen jungen Mann am Tresen fotografieren – damit bist aber nicht Du gemeint!“, neckt die Chefin einen ihrer langjährigsten Mitarbeiter – und lacht schallend, als der mit einem trockenen Kommentar kontert.

Heute kann jeder Kunde selbst im Internet nach einem Artikel suchen. Ein Unternehmens wie Otto Meyer kann sich nur behaupten, wenn es das Gewünschte auf Lager hat und die Mitarbeiter ebenso hoch motiviert wie fachkundig sind. Susanna Fiebig: „Unser Unternehmen ist seit fast hundert Jahre hier im Hafen, wir kennen unsere Kunden genau und haben sehr gute Beziehungen zu Lieferanten.“

Einige der 20 Mitarbeiter arbeiten schon seit mehr als 30 Jahren bei Otto Meyer. Alle kennen sich in vielen technischen Bereichen aus, wissen etwa, wo man eine 21- CromoV 57-Schraube für Turbolader von Schiffsdieseln herbekommt. Wenn es noch komplizierter wird – etwa zwei Rohre berührungslos ineinander gelagert werden sollen, damit ein flüssiges Medium ungehindert hindurchfließen kann – dann schlägt die Stunde der Inhaberin.

Eimer, Leitern und Rohre im Lager

Susanna Fiebig im Lager

Susanna Fiebig liebt es besonders, Lösungen für technische Probleme zu finden – in diesem Fall ließ sie eine Spiralfeder anfertigen, die durch Drehfedern fixiert  wurden.

Vielleicht ist an der Geschäftsführerin eine begabte Ingenieurin verloren gegangen. Aber sie ist durch ihren kurvigen Start zu einer Unternehmerin mit besonderem Engagement geworden. So bietet Otto Meyer in Zusammenarbeit mit entsprechenden Organisationen ganz bewusst Praktikumsplätze für Menschen an, die einen zweiten Anlauf brauchen. Auch die Ausbildung liegt der Geschäftsführerin besonders am Herzen, inzwischen werden neben den Großhandelskaufleuten auch Lageristen ausgebildet. Wenn die Azubis nicht übernommen werden können, dürfen sie nach der Lehre noch ein Jahr bleiben, um eine bessere Startposition für den Arbeitsmarkt zu haben.

„Ein Unternehmen zu betreiben muss auch ein Dienst am Menschen in der freien Wirtschaft sein“, findet Susanna Fiebig. „Hier in Wilhelmsburg haben es die Menschen nicht so einfach wie in anderen Stadtteilen. Ich finde, es ist unsere soziale Aufgabe und Verantwortung als bodenständige Firma in dieser Region, Menschen eine Chance für die Zukunft zu geben. “

Kunden bei Otto Meyer

Die Azubis Nico und Tobias beraten zwei Kunden

 

 

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